Wie viel ist Carla und wie viel ist Peter? – Am Anfang (meiner Neuorientierung 2020) habe ich Carla total unterschätzt. Sie ist stark und selbstbewusst, und mir gefällt das sehr. Dabei hat sie sich über weite Teile meines Lebens dezent im Hintergrund gehalten und mir zum Beispiel auch keine psychischen Probleme bereitet – darüber bin ich sehr dankbar. Sie war immer da und ich habe sie auch immer gespürt – ob beim Gummitwist in der Grundschule (daran hab ich mich letztens erinnert, als ein Hicke-Feld auf der Straße aufgemalt war), bei meiner Vorliebe für bunte und ausgefallene Kleidung bis hin zu meiner „Häuslichkeit“.

Ich bin sehr vorsichtig, mich tatsächlich auch „als Frau“ zu fühlen – oder besser gesagt: dies zu äußern, Denn das kann ja auch anmaßend wahrgenommen werden – so fürchte ich aus meiner Historie und unter der Last all der Deckel, die quasi auf mich draufgedreht sind. Carla war ja sehr sehr lange der Geist in der Flasche und durfte und konnte nicht raus. Ich möchte auf keinen Fall Frauen gegenüber irgendwie aufdringlich oder anmaßend oder als übergriffig wahrgenommen werden – dazu gibts ja wirklich genug unsinnige und völlig abstruse Nachrichten und Kommentare. Deshalb benutze ich bislang auch keine weiblich spezifischen Räume oder Angebote (z.B. Toiletten). Gleichzeitig verstehe ich Frauen in vielen Belangen sehr gut und würde mich vielleicht auch mehr in weiblichen Kreisen bewegen – aber dazu habe ich zu viel Bedenken, abgelehnt zu werden. Ich verstehe, wenn Frauen sich von Männern abgrenzen wollen und eigene Gruppen bilden. Aber ich würde mich sehr darüber freuen, wenn sie dabei auch an Menschen denken, die keine Frauen sind und dennoch nicht zu den Männern gehören – auch nichtbinäre Menschen. Es wäre also schön, wenn es mehr Angebote für FLINTA gäbe – das sind Menschen ausgenommen CIS-Männer.
Ich werde in der Öffentlichkeit eigentlich immer fälschlich als männlich „erkannt“. Da ich meine „Hardware“ aber nicht verändern möchte, wird dieses Dilemma wohl bestehen bleiben. Kleidung und lange Haare bewirken immerhin, dass die Leute mal kurz stutzen – um dann aber doch schnell die männliche Schublade aufzuziehen. Erst jetzt fällt mir auf, wie extrem zweigeteilt unsere Welt ist! Das jemand gar nicht in dieses digitale Schema passen könnte, ist gar nicht vorgesehen – es sind also immer Erklärungen nötig. Dabei muss man schon ziemlich deutlich werden – meine Versuche, zum Beispiel mit der Angabe von Pronomen in den Mails darauf aufmerksam zu machen, sind weitgehend gescheitert. Ich muss das schon wirklich explizit immer überall reinschreiben, dass ich nicht als „Herr“ angesprochen werden will – und dann immer wieder daran erinnern. Das finde ich anstrengend. Noch schlimmer ist, es, wenn sich Leute dann verständnislos äußern – das habe ich bei einigen Versicherungen erlebt, die mich trotz allem weiter in meinem „Geburtsgeschlecht“ ansprechen wollen. Wenn ich etwas mehr Energie dazu hätte, könnte ich mit guten Chancen rechtlich dagegen vorgehen. Na, aber das wäre ja wieder arg männlich 😉
Ich als Carla habe es durchgesetzt, dass mein männlicher Part neue Kleidungsregeln akzeptiert – die dann natürlich noch mit meiner Frau abzustimmen sind (hier muss ich lächeln). Also keine Kleider mit Leggins! Was ich seitdem tatsächlich genieße: Bei Terminen oder Veranstaltungen oder überhaupt vor dem Rausgehen darüber nachzudenken, was ich anziehen könnte. Es ist auch neu, dass ich mich im Spiegel ganz gut ansehen kann – vorher mochte ich meine Erscheinung nicht besonders. Carla sorgt also auf diese Weise für mehr Selbstbewusstsein – das fühlt sich toll an und ist ja aber auch nötig, so wie ich jetzt überall angegafft werde. Carla denkt dann immer: „Sollen sie doch gaffen! Und immerhin habe ich was schönes angezogen, sodass es sich lohnt“. Dazu muss ich aber anmerken, dass vor allem meine Begleitung beobachten kann, welche „Aufmerksamkeit“ ich erhalte – ich merke das selbst kaum. Vor allem einige ältere Zeitgenossen glotzen allerdings schon wirklich extrem auffälig. Menschen wie ich sind ja auch wirklich selten – ich habe im mehreren Jahren nur eine ähnliche Person – mit schrillen Heels auf einer Anti-Kohlekraft-Demo – zufällig gesehen (sonst sind die Kontakte zu anderen queeren Menschen quasi organisiert). Schade, dass sich viele nichtbinäre Menschen nicht trauen, sich öffentlich zu zeigen. Meine Erfahrung: Es lohnt sich so sehr!
(Juli 2026)
